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Ist es sinnvoll Bankfilialen zu digitalisieren?

Stefan Arn: «Das Bankenwesen wird sich markant verändern»

Als IT-Chef für das weltweite Vermögensverwaltungsgeschäft der UBS und für die UBS Schweiz und Europa ist Stefan Arn verantwortlich für die technischen Belange des Kerngeschäfts der Grossbank. Eine Mammutaufgabe: Für sein aktuelles Projekt arbeitet er gemeinsam mit einem Team von 1500 Leuten. «IT-Solutions» sprach mit ihm darüber, wie er trotzdem einen kühlen Kopf bewahrt, warum er nicht alle Bankfilialen digitalisieren will und wie das Banking der Zukunft für ihn aussieht.

Matthias Mehl

Stefan ArnStefan Arn, in der IT herrscht Fachkräftemangel. Ist dieser so akut, wie häufig prognostiziert wird?

Es gibt diesen Fachkräftemangel tatsächlich. Gleichzeitig muss ich aber relativeren: Er ist nicht so gravierend, wie er häufig dargestellt wird. Wir bei UBS haben eine gute Einsicht in diese Entwicklung, denn wir sind in der Schweiz die grösste Ausbildnerin von IT-Fachpersonen. Und unsere Erfahrungen zeigen, dass es nicht in der gesamten IT, sondern vielmehr in spezifischen Segmenten an Fachleuten mangelt. Im Bereich «Webdesign»bspw. tun wir uns nicht schwer mit dem Nachwuchs. Wenn es hingegen um das Programmieren massgeschneiderter Softwarelösungen geht, wo es Software-Ingenieure mit Bankwissen braucht, sieht das anders aus.

 

Wie gehen Sie denn mit diesem «Teil-Mangel» um?

Wir haben den Vorteil, dass wir als grosses Unternehmen unseren Nachwuchs ein Stück weit selber «heranziehen» können und dadurch in der Lage sind, flexibler auf diese Herausforderungen zu reagieren. Zudem arbeiten wir nach der Maxime, dass nicht die Masse, sondern das Wissen zählt. Wo nötig, holen wir uns das Wissen auch extern.

 

Die Regulierungsdichte in der Finanzbranche nimmt stetig zu. Welche Auswirkungen hat dies auf Ihre Arbeit?

Es hat ganz direkte Auswirkungen. Und da die Regulierung einem stetigen Wandel unterliegt, führt das dazu, dass wir schon mal zwei Versionen derselben Anwendung parallel entwickeln mussten – weil wir von politischer Seite zu diesem Zeitpunkt noch keine Auskunft darüber hatten, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen. Aber, und das ist ganz wichtig: Das ist in unserer Branche normal. Wir sind zum Beispiel sehr gut darin, zwei Versionen zu entwickeln, ohne dabei die doppelten Kosten zu generieren.

 

Wie beurteilen Sie die Finanztechnologie (FinTech)-Community in der Schweiz und welche Auswirkungen haben Lösungen wie Mobile Payment oder Crowdlending auf Banken?

Es ist ein hochinteressantes und ein relevantes Feld, in dem viel Innovation vorangetrieben wird. Bei mir als ETH-Software-Ingenieur und ehemaliger Software-Unternehmer, der in den früheren 2000er-Jahren den Dotcom-Hype hautnah miterlebte, löst dieses neue Feld vielleicht etwas weniger Euphorie aus als bei anderen Beobachtern. Dennoch es ist ohne Zweifel spannend und kann uns als Bank nur helfen.

 

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Wie das? Denken Sie nicht, dass solche Anwendungen zu einem Geldabfluss bei Banken führen?

Diese Besorgnis teile ich nicht, im Gegenteil. Die FinTech-Szene tut unserer Branche enorm gut, denn sie bringt Dynamik hinein. Und es ist ja nicht so, dass wir als Bank einfach nur zusehen und nicht agieren. Dass wir als Bank 2014 die Auszeichnung als “Best Global Bank” und dieses Jahr zum dritten Mal in Folge als “Best Bank in Switzerland” gewählt wurden, den Security Innovation Award oder den Preis «Best of Swiss Web» gewinnen konnten, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich finde viel eher, dass uns FinTech ermöglicht, neue Ansätze auszuprobieren. Und was die Verwaltung von Vermögen betrifft: Wir nehmen die FinTech-Anbieter ernst, aber wir sehen auch: Diese Unternehmen verfügen nicht über eine Bankenlizenz. Da kommen wir dann ins Spiel. UBS verfügt über die nötigen Lizenzen und kann Sicherheit garantieren. Man könnte sagen, dass FinTech-Anbieter eine Art Weiterführung der FIN (Financial Intermediaries) darstellen. Das ermöglicht uns völlig neue Modelle.Ich denke, und das ist meine ganz persönliche Meinung, dass sich die Bankenbranche in Zukunft signifikant verändern wird, sie wird sich zu einer «Mashed Industry» wandeln.

 

Wodurch zeichnet sich diese Mashed Industry aus?

Die Automobilbranche ist ein schönes Beispiel dafür. Im Kern haben Sie ein grosses Unternehmen, das einen relevanten Teil des Geschehens kontrolliert. Dieses gibt Strategie, Design und Technologie vor und wird dann von Lieferanten mit den richtigen Teilen versorgt. Auf die UBS umgemünzt bedeutet das, dass wir als Bank die beste operative Plattform mit den besten Produkten und Services bieten müssen – natürlich mit eigenen Kundenberatern und mit Schnittstellen, die Branchenstandard sind. Hinzukommen nun aber die diversen etablierten Banken und FinTech-Unternehmen, die ihre Kundengelder ebenfalls bei uns deponieren oder über uns abwickeln und investieren. Wir reden hier vom Core Banking sowie einer Vielzahl von alternativen, vielleicht massgeschneiderten Banking-Lösungen von Drittfirmen, die aber letztlich auf diesem einen, stabilen und modularen Fundament beruhen. Man nennt dies «Whitelabeling» und ich bin der Meinung, dass hier die Zukunft der Financial-IT liegt.

 

Einen wichtigen Schritt in die Zukunft hat die UBS kürzlich mit der Vereinheitlichung der IT-Platform in Deutschland, auch bekannt als Projekt «Cetus», unternommen.

Absolut. Mit Cetus erarbeiten wir eine international einheitliche Kundenplattform im Wealth-Management-Bereich. Ihr Vorteil: Alle Standard-Aspekte und Prozesse können einheitlich erledigt werden, kommen aus einer Hand. Das schafft Effizienz, sowohl finanziell wie auch prozesstechnisch, und bietet uns so die Möglichkeit, neue Dienstleistungen und Produkte anzubieten – Services, die Kundennutzen aufweisen und mit denen wir uns als Anbieter auch differenzieren können. In Deutschland wird seit Ende 2014 auf der neuen Platform gearbeitet, weitere Märkte werden folgen.

 

Die IT hat das Bankenwesen bereits in der Vergangenheit revolutioniert, mit dem E-Banking und mobile Banking. Brauchen wir eigentlich noch Filialen?

Die kurze Fassung: Ja, absolut. Die längere Version: Wir benötigen Filialen nach wie vor. Deshalb haben wir in den letzten Jahren ja massiv in unsere Geschäftsstellen investiert und alle nach neuem Konzept umgebaut. Eine Geschäftsstelle wird heute anders genutzt als früher. Einzahlungen beispielsweise können Sie auch online tätigen, ebenso wie Ihre Konten einsehen etc., dafür nehmen die meisten Kunden den Weg in die Filiale nicht mehr auf sich. Wenn es aber zum Beispiel darum geht, eine Hypothek abzuschliessen – dann möchten die Kunden doch lieber auf Fachberatung zurückgreifen. Bei komplexen Angelegenheiten ist und bleibt die persönliche Beratung darum ein Muss. On- und offline koexistieren, und das dürfte so bleiben.

 

Welches Projekt beschäftigt Sie aktuell am meisten?

Derzeit arbeite ich mit einem Team von rund 1500 Leuten am Projekt UBS Switzerland. Unser Auftrag: Die technische Infrastruktur zu erstellen für die Gründung unserer Tochtergesellschaft mit dem Namen «UBS Switzerland AG». Diese wird den Unternehmensbereich Retail and Corporate und die in der Schweiz verbuchten Geschäfte von Wealth Management umfassen. Die Gründung dieser Tochtergesellschaft ist erforderlich aufgrund der neuen «Too big to fail»-Bestimmungen der Schweiz . Diese setzen voraus, dass systemrelevante Finanzinstitute wie die UBS Pläne erstellen, die aufzeigen, wie die Bank im Krisenfall rekapitalisiert oder abgewickelt werden kann und wie kritische Funktionen wie der Zahlungsverkehr aufrecht erhalten werden können. Diese erste Phase der Transformation soll bis Mitte Jahr abgeschlossen sein. Und bis dahin ist, wie man sich vorstellen kann, noch einiges in der IT zu tun. Aber dank bald 30 Jahren Erfahrung im IT-Bereich kann ich solche Projekte als spannende Herausforderung sehen. Sie sehen: Über Langeweile kann ich mich nicht beklagen.