Factoring

Unternehmen können von der Sicherheit profitieren, die Factoring bietet.

Factoring bietet Unternehmen nicht nur finanzielle Vorteile

Finanzen Factoring ist in der Schweiz noch relativ unbekannt. Die Sonderform der Kreditfinanzierung schützt Unternehmen vor allfälligen Zahlungsausfällen und nimmt ihnen auch einen Teil des administrativen Aufwands ab.

Leslie Haeny

Leslie Haeny

Über 80 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer sind bei kleinen und mittleren Unternehmen angestellt. Doch die Zeiten sind schwer für KMU, denn die Zahlungsmoral der Leute in Europa wird immer schlechter. Unternehmen verlieren dadurch viel Geld. Laut dem European Payment Index (EPI) nahmen nämlich nicht nur die Zahlungsverzögerungen, sondern auch die Zahlungsausfälle europaweit zu. Factoring hilft KMU, sich gegen ebensolche Situationen abzusichern.

Factoring: so funktionierts

Hat sich ein Unternehmen für Factoring entschieden, läuft die Fnanzierung nach diesen Schritten ab:

  1. Die Factoringfirma überprüft die Kreditwürdigkeit des Unternehmens.
  2. Ein Factoringvertrag wird aufgesetzt.
  3. Die Factoringfirma bezahlt die offenen Rechnungen des Unternehmens und behält eine vorher vereinbarte Bevorschussungsquote als Sicherheit.
  4. Das Debitorenmanagement wird von der Factoringfirma übernommen.
  5. Sobald die Rechnungen beglichen wurden Zahlt die Factoringfirma den Restbetrag zurück.

Factoring ist eine Sonderform der Finanzierung. Es wird von verschiedenen Kredit- und Factoringfirmen angeboten. Dabei übernimmt der Factoringanbieter, gegen eine Gebühr und einen Factoringzins die offenen Rechnungen des Kunden und kümmert sich um das gesamte Debitorenmanagement. Sprich – alle Prozesse, welche mit der offenen Rechnung zu tun haben. Über die Jahre haben sich unterschiedliche Factoringformen entwickelt: Echtes/unechtes Factoring, offenes/stilles Factoring, Export/Import Factoring und noch einige mehr. Die meistgewählte Variante ist laut dem Schweizerischen Factoringverband aber das Full-Service-Factoring. Bei diesem Angebot werden die Factoringkunden gegen allfällige Zahlungsausfälle abgesichert und das Kreditunternehmen übernimmt das gesamte Debitorenmanagement.

«Am wichtigsten ist es, dass der Kunde ein nachhaltiges Geschäftsmodell hat.»

Hat sich ein Unternehmen dazu entschieden, die Leistungen einer Factoringfirma in Anspruch zu nehmen, prüft der Factoringanbieter als erstes die Kreditwürdigkeit des Kunden. «Am wichtigsten ist es, dass der Kunde ein nachhaltiges Geschäftsmodell hat und gute Produkte/Dienstleistungen anbietet», sagt Stephanie Honegger, Kundenberaterin bei der KMU Factoring AG. Ist das Unternehmen kreditwürdig, wird ein Factoringvertrag aufgesetzt, in welchem die vereinbarte Kreditgebühr und der Factoringzinssatz festgehalten werden. Versendet der Kunde nun eine Rechnung, wird der offene Betrag von der Factoringfirma übernommen.

«Eine 100 Prozent-Finanzierung ist theoretisch möglich, stellt aber sehr hohe Ansprüche an die Kreditwürdigkeit und –fähigkeit des Factoringklienten.»

Üblich ist, dass das Factoringunternehmen etwa 90 Prozent der offenen Rechnung sofort bezahlt. Die zehn Prozent des Rechnungsbetrags dienen der Factoringfirma als Sicherheit. Die Bevorschussungsquote könne von null bis 100 Prozent reichen, meint Daniel Trochsler, Präsident des Schweizerischen Factoringverbands. «Eine 100 Prozent-Finanzierung ist theoretisch möglich, stellt aber sehr hohe Ansprüche an die Kreditwürdigkeit und –fähigkeit des Factoringklienten.» Der Debitor wird dann vom Factoringunternehmen darüber informiert, dass die Abwicklung seiner Zahlung von besagter Firma übernommen wurde. Müssen Mahnungen geschrieben werden, übernimmt dies ebenfalls die Factoringfirma. Sobald der geschuldete Rechnungsbetrag beim Kreditunternehmen eingegangen ist, bezahlt es dem Factoringklienten die Differenz zu den hundert Prozent des Rechnungsbetrags.

«Factoring ist für Hersteller, Händler und Dienstleister zahlreicher Branchen geeignet»

Kleinunternehmen

Factoring: ein ideales Angebot für KMU

«Factoring ist für Hersteller, Händler und Dienstleister zahlreicher Branchen geeignet», sagt Daniel Trochsler. Vor allem Unternehmen mit starkem Wachstum oder Saisonal schwankenden Umsätzen kann die spezielle Finanzierung Vorteile verschaffen. Ausserdem entfallen den Full-Service-Factoringkunden der administrative Aufwand im Zahlungsprozess und allfällige Kosten, welche mit dem Debitorenmanagement zusammenhängen. Stephanie Honegger von der KMU Factoring AG ist der Meinung: «Factoring passt perfekt für KMU.»

Grundvoraussetzung, um einen Factoringvertrag vereinbaren zu können, ist selbstverständlich die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens. Essentiell um einen Factoringvertrag abschliessen zu können sei, dass den Forderungen voll erbrachte Leistungen zugrunde lägen, sagt Trochsler. Je höher die angebotene Bevorschussungsquote ist, desto höher sind in der Regel auch die Anforderungen eines Factoringunternehmens an die Kreditwürdigkeit des Klienten.

Old London

Factoring ist ein altes Geschäft

Während Factoring in der Schweiz erst in den 60-er Jahren Einzug ins Kreditgeschäft hielt, ist es in den USA schon seit längerem sehr populär. Gerade im 19. Jahrhundert, als die amerikanische Industrie, gegenüber der europäischen durch extreme Zölle benachteiligt war, machten amerikanische Unternehmen Gebrauch von der Finanzierungsmöglichkeit. So verhalf Factoring der kriselnden US-Wirtschaft sich wieder zu erholen.

«Insbesondere in angelsächsischen Ländern hat sich Factoring zu einem weitverbreiteten Mittel zur Liquiditätsverbesserung entwickelt»

Die Wurzeln des Unternehmenskredits reichen aber noch viel weiter zurück: bis ins London des 14. Jahrhunderts. Damals vermittelten Textilverarbeiter zwischen Kaufleuten und Herstellern und halfen Kaufleuten in Geldnot mit kurzfristigen Krediten. «Insbesondere in angelsächsischen Ländern hat sich Factoring zu einem weitverbreiteten Mittel zur Liquiditätsverbesserung entwickelt», sagt Daniel Trochsler.

«Früher hatten wir deswegen zu kämpfen»

Noch wenig bekannt ist diese Form der Finanzierung in der Schweiz. «Früher hatten wir deswegen zu kämpfen», sagt Stephanie Honegger. Für gewisse Kreditunternehmen, wie coface bedeutete das den Ausstieg aus dem Factoringgeschäft. Die besondere Art der Finanzierung werde aber immer bekannter und das Factoringgeschäft laufe, vor allem dank Weiterempfehlungen immer besser, meint Honegger.

Auch der Factoringverbandspräsident beobachtet eine positive Entwicklung in der Factoringbranche: So erzielten die sechs Unternehmen, welche dem Schweizerischen Factoringverband angeschlossen sind, 2014 einen Jahresumsatz von über viel Milliarden Franken. «Damit hat sich der Umsatz über die letzten zehn Jahre verdoppelt.» Verglichen mit anderen Ländern und in Relation zum BIP liege die Zahl aber nach wie vor auf einem tiefen Niveau.